Veranstaltungen

« August 2017 » loading...
MDMDFSS
31
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
1
2
3

Der Fluch des billigen Geldes

Die Europäische Zentralbank möchte mit neuem Geld die Kreditvergabe in Südeuropa ankurbeln. Dadurch wächst auch die Angst vor neuen Immobilienblasen. Vor allem in Schweden. Europas Finanzpolitik hat eine beängstigende Kehrseite.

von Raoul Sylvester Kirschbichler

Geld hat eine magische Anziehungskraft. Vor allem billiges Geld. Derzeit ist Geld außergewöhnlich billig, weil sich die Zinsen auf Rekordtief befinden, sie liegen unter der Inflationsrate. Gleichzeitig steigen die Immobilienpreise. Immer noch. Es liegt auf der Hand, dass sich ein Eigenheim gerade jetzt sehr günstig finanzieren lässt. Wer die niedrigen Kreditzinsen der Wertsteigerung von Immobilien gegenüberstellt, der kann im fremdfinanzierten Familienhaus auch eine Anlage sehen. Die logische Schlussfolgerung: Wenn wir uns ein Eigenheim leisten wollen, dann am besten jetzt.

Eine Woche nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen auf 0,150 Prozentpunkte gesenkt hatte, verkündete sie, dass noch mehr Geld in die Märkte gepumpt werden soll. Mit neuen milliardenschweren Geldspritzen möchte die EZB die stockende Kreditvergabe in den Krisenländern Südeuropas beleben. Allerdings: Immobilienkredite sollen dabei explizit aus der Geldschwemme von rund 400 Milliarden Euro ausgenommen werden, denn der unbegrenzten Finanzierung von Häuserkäufen, soll und muss ein Riegel vorgeschoben werden.

Dabei wissen wir, dass die Strategie der Europäischen Zentralbank nicht neu ist: Als sich die Bank von England entschlossen hatte mit einer ähnlichen Idee, mit dem „Funding for-Lending“-Programm, die Kreditvergabe der Finanzinstitute durch Geldspritzen anzukurbeln, ist am Immobilienmarkt eine große Spekulationsblase entstanden.

Zudem: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte im Juni vor einem „verheerenden Crash“ am Immobilienmarkt gewarnt. „Die Zeit der großzügigen Vernachlässigung von Booms bei Häuser-Preisen ist vorüber“ – lautete der Titel einer Rede von Min Zhu (einem der Stellvertreter von IWF-Chefin Christine Lagarde) vor einem hochrangigen Gremium der Deutschen Bundesbank.

Sowohl der Internationale Währungsfonds, als auch die Europäische Zentralbank sind sich durchaus bewusst, dass wir noch keine tauglichen Werkzeuge besitzen, um Immobilien-Blasen einzudämmen oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Sicher ist, umso mehr Geld wir drucken, desto schneller kann eine Blase entstehen bzw. wachsen.

Als die Häuserpreise, zunächst in den USA (2006) und schließlich weltweit in den Keller fielen, hat die amerikanische Immobilienkrise maßgeblich zur globalen Finanzkrise beigetragen. Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds belegen, dass „Immobilienblasen in mehr als zwei Drittel aller Fälle den jüngsten, systemischen Banken-Krisen vorangegangen sind.“

Nun sollen, um einen neuen Immobilien-Crash zu verhindern, die Eigenkapitalvorschriften für Immobilien-Kredite verschärft werden. Eine gut gemeinte Idee, die aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es kein taugliches Gesamtkonzept gibt, erst gar keine Immo-Blase entstehen zu lassen.

Europaweit sind viel zu viele Haushalte dramatisch verschuldet, weil sie Immobilien mithilfe günstiger Kredite erworben haben. Tendenz weiter steigend. Bereits im Mai hatte eine Studie* der schwedischen Riksbank (Notenbank) dargelegt, dass die meisten Schweden die Begleichung ihrer Immobilien- und Hypothekenschulden gar nicht mehr erleben werden:

Der durchschnittliche Schwede ist mit einem vierfachen seines jährlichen Einkommens verschuldet, er müsste rund hundert Jahre alt werden, bis er alles abbezahlt hat. Immer mehr Schweden werden durch die niedrigen Zinsen in die Kreditfalle gelockt aus der sie kaum noch herausfinden. Bei einem Viertel aller verschuldeten Schweden wird der Schuldenberg jährlich sogar noch größer, bei rund 15 Prozent ändert sich am Gesamtschuldenstand rein gar nichts. Sollten die Immobilienpreise plötzlich sinken, prognostizierte der Internationale Währungsfonds vor wenigen Wochen, muss sich Schweden auf wirtschaftliche Turbulenzen einstellen.

Bereits 1992 platze in Schweden eine Immobilienblase: Alle Banken saßen auf einem Berg uneinbringlicher Kredite. Der schwedische Staat übernahm die noch in Privatbesitz befindlichen Aktien. Die faulen Kredite wurden in einer Bad Bank ausgelagert. Die Riksbank erhöhte den Leitzins auf 500 Prozent. Sie haftete für alle Banken und Kredite, die Schwedische Krone wertete ab. Insgesamt beliefen sich die Verbindlichkeiten der schwedischen Banken auf 175 Milliarden Kronen, die Kosten für den Staat werden heute mit 4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes angegeben.

Unser Ziel ist bekannt: Europaweit muss die Verschuldung der privaten Haushalte bei Immobilien deutlich reduziert werden. Ein rascher Rückgang der Immobilienpreise hätte mit Sicherheit nachhaltige Auswirkungen auf den Konsum, die Beschäftigung und das schwache Wachstum.

Nun möchte die Europäische Zentralbank verhindern, dass das Geld zur Finanzierung neuer Immobilienblasen verwendet werden könnte, sie will also festlegen, welchen Branchen das neu gedruckte Geld von der Bank zur Verfügung gestellt werden darf und welchen eben nicht. Damit sich die sogenannten „unterstützenden Maßnahmen“, die die Volkswirtschaften in Südeuropa beleben sollen, nicht über den Umweg Immobilienblase als Bumerang erweisen, versucht die Europäische Zentralbank diktatorisch selektiv vorzugehen. Doch Kreditmärkte sind und bleiben miteinander verbundene und miteinander kommunizierende Systeme, die sich nicht von Europas Währungshütern dirigieren lassen.

Neben Schweden und Australien drohen Immobilienblasen auch in Belgien, Kanada und Norwegen zu entstehen. Ob der gefürchtete schwarze Schwan bereits in Sicht ist, also jener Bote, der das endgültige Ende des globalen Schulden-Zyklus verkündet, werden die kommenden Monate zeigen. Dabei ist die Vernetzung unserer Banken das größte Problem unseres Finanzsystems. Die meisten Großbanken sind so miteinander verflochten, dass sie fast alle als „too big to fail“ eingestuft werden könnten.

Europas Kernproblem hat einen strukturellen Charakter: Viele Sektoren der europäischen Wirtschaft, wie zum Beispiel der Finanzsektor, sind viel zu groß, einfach überdimensioniert. Während unzählige andere Branchen, vor allem die Staatsbetriebe in Südeuropa, völlig am Konsumenten bzw. Verbraucher vorbei produzieren, können andere Sektoren ihre produzierten Güter und Dienstleistungen nur mit Verlust verkaufen (spanischer Immobilienmarkt).

_____

*Studie: Untersucht wurde die finanzielle Situation volljähriger Schweden in den Jahren 2010 bis 2013.

Verlustreiche Staatsbetriebe – vor allem in Italien – müssten geschlossen oder privatisiert werden. Wer immer wieder die Gelddruckmaschine anwirft, erkennt nicht, dass Europa primär eine Strukturanpassung braucht. Zwei Jahrzehnte lang hat Japan ebenfalls versucht, über eine expansive Geldpolitik seine Wirtschaft wieder in Schwung zu bekommen. Ohne Erfolg.

Der niedrige Zinssatz wird auch die Kreditvergabe in keinster Weise ankurbeln. Es fehlt in Spanien und Griechenland an einer ernsthaften Kreditnachfrage. Mehrmals hat Zentralbank-Chef Mario Draghi selbst betont, dass die Kreditklemme in einigen Euro-Ländern das Wirtschaftswachstum hemme. Portugal und Italien gehören zu jenen Ländern der Euro-Zone, wo es die wenigsten Darlehensvergaben gibt.

Kein seriöser Unternehmer möchte derzeit sein Minusgeschäft expandieren, sondern eher die Überschuldung abbauen. Auch deshalb, weil die europäischen Wirtschaftsstrukturen verzerrt sind. Diese dringend notwendige Neustrukturierung möchten viele Unternehmer abwarten, ehe sie erneut groß investieren. Zudem: Die niedrige Inflation führt dazu, dass Firmen und Verbraucher, in der Hoffnung, dass die Preise fallen, Ausgaben und Investitionen aufschieben.

Frisch gedrucktes Geld, künstlich geschaffener Papierreichtum, löst keine Strukturprobleme. Doch wohin die neuen Euro-Milliarden? Der Schweizer Physiker James Glattfelder hat 13 Millionen Daten identifiziert. Daraus hat er gemeinsam mit seinem Team die Eigentümerverhältnisse von 43.000 Weltkonzernen untersucht. Das Ergebnis: “Eine winzige Gruppe von 0,123 Prozent der Eigentümer von internationalen Konzernen (Trans National Corporations, TNC) kontrolliert 80 Prozent des Werts dieser 43.000 Konzerne. Es sind fast ausschließlich die großen Banken und Finanzinstitutionen in den USA und in Großbritannien.“ Die unzähligen Milliarden der EZB landen demnach bei einer kleinen Finanzelite.

Der eigentliche Zweck des Negativzinsexperiments liegt darin die Banken in scheinbar risikolose, durch das Gewaltmonopol besicherte Anlagen zu drängen: Staatsanleihen. Dabei ist es der Europäischen Zentralbank zu verdanken, dass die Zinsen auf Staatsanleihen weiter fallen. Das eröffnet den verschuldeten Eurostaaten neue Verschuldungsspielräume, dringend notwendige Reformen werden weiter auf die lange Bank geschoben.

Wir leben in einem Scheingeldsystem, aus dem Nichts geschaffenes Geld wird Banken zur Verfügung gestellt, damit sich Unternehmen und Staaten weiter verschulden können: Schuldenabbau durch noch mehr Schulden? Unterstützt wird indirekt auch die Abhängigkeiten von Großbanken und deren Verflechtung miteinander: „Too big to fail“ wird die Diagnose beim nächsten Crash lauten. Dann, wenn uns eine Währungsreform blüht und eine Vermögensabgabe bereits beschlossene Sache ist.

Das europäische Finanzsystem ist sehr krank. Das Ärzteteam bestehend aus der EZB und dem IWF ist sich sicher, dass Verordnungen, Reglementierungen und tief einschneidende Eingriffe zur Heilung führen. Sie verordnen mehr und mehr Medikamente, deren Nebenwirkungen Monate später die alte Krankheit zu neuem Leben erwecken. Auch die ersten Symptome, wachsende Immobilienblasen, sind wieder aufgetaucht.

Der Fluch des billigen Geldes hat uns wieder eingeholt..

2017-08-18T13:26:21+00:00

Kommentar verfassen