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Euroland: Zwischen Inflation und Deflation

Die Teuerungsrate der Euroländer liegt bei 0,5 Prozent. Der Leitzinssatz lässt sich kaum noch senken. Droht uns jetzt eine Deflationsspirale wie Japan zu Beginn der 90-iger Jahre?

von Raoul Sylvester Kirschbichler

Wir durchleben das Lexikon der Wirtschaftskrise. Tag täglich werden wir mit neuen Begriffen konfrontiert. Ihre Bedeutung prägt unseren Alltag:

Wir leben seit Jahren zwischen Stagnation und Rezession, ärgern uns über Subventionen, die irgendwo im Süden Europas den Währungskollaps für den restlichen Kontinent verhindern sollen. Und in den Euro-Ländern verzweifeln die Menschen, weil die Staatsschulden dringend notwendige Investitionen im Keim ersticken lassen. Gleichzeitig erkennen wir, dass die niedrigen Zinsen uns dazu verleiten sollen, unser hart verdientes Geld schnell wieder in den Wirtschaftskreislauf einzubringen, nachdem sich der Fiskus mehr als nur ausreichend bedient hatte.

Die Europäische Zentralbank hat im November den Leitzinssatz auf 0,25 Prozent gesenkt. Dahinter steckt auch wirtschaftspolitisches Kalkül. Denn die Staaten und Banken, die in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, können oder wollen das Geld, das sie sich gegenseitig geliehen haben, nicht mehr zurückzahlen. Hohe Zinsen würden ihre Zahlungsunfähigkeit ans Tageslicht bringen. Damit sie alle ihre Raten pünktlich bezahlen können, haben die Zentralbanken die Zinsen künstlich abgesenkt und versorgen alle Schuldner mit den gewünschten Geldmengen. Die Politik meint: Auf diese Weise wird die Umschuldungskrise gelöst.

Die Tatsache, dass die Preise in der Eurozone nur minimal, lediglich um 0,5 Prozent steigen, weckt große Hoffnung auf einen unbeschwerten Einkaufsbummel. Vor allem die um 2,1 Prozent gesunkenen Energiekosten bremsen den Preisauftrieb. Treibstoffe verbilligten sich im letzten Monat um 5,3 Prozent und Flugtickets kosteten im Jahresvergleich um 3,0 Prozent weniger. Die Inflation ist demnach so niedrig wie zuletzt im November 2009, als die Weltwirtschaft in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte.

Das klingt beängstigend, weil in der Euro-Zone sofort das Gespenst einer Deflation herumgeistert. Allerdings: Eine Geldpolitik, die sich bemüht, den Wert des neuen Geldes stabil zu halten, eine Inflation zu vermeiden oder zumindest zu begrenzen, treibt deshalb noch keine Deflation. Auch dann nicht, wenn sich die Inflationsrate von den Vorgaben der Europäischen Zentralbank (EZB) von rund zwei Prozent deutlich abweicht. Diese zwei Prozent sind ein Richtwert, bei dem Währungshüter die Preisstabilität gewahrt sehen.

Die EZB hat nur noch wenig Spielraum beim Leitzins, sie könnte jedoch auch mit dem Ankauf von Wertpapieren im großen Stil deflationären Gefahren begegnen. Eine deflationäre Spirale kann die Wirtschaft allerdings lähmen. Wenn Unternehmer und Verbraucher sinkende Preise erwarten, werden größere Investitionen auf die lange Bank geschoben. Der Wirtschaftsmotor der Europäischen Union, der nur in sehr wenigen Ländern sehr zaghaft anspringt, könnte schlagartig wieder abgewürgt werden.

Japan kämpft seit mehreren Jahren mit der Deflation. Um das erklärte Inflationsziel von ebenfalls 2 Prozent zu erreichen, will die japanische Notenbank ihre Geldbasis bis 2015 verdoppeln. Japan möchte 510 Milliarden Euro in die Wirtschaft pumpen. Die logische Folge der neuen Geldpolitik: der Yen wird schwächer. Japans Exportwirtschaft profitiert davon aber kaum, weil die Kosten für Energieimporte dramatisch angestiegen sind.

Mitverantwortlich für die japanische Deflation war und ist die Demografie: Rund 20 Prozent der Japaner sind alter als 65 Jahre. Die Überalterung der Bevölkerung wie wir sie in Österreich, Deutschland oder in Italien in absehbarer Zeit erwarten, ist in Japan bereits Realität:

Laut Statistik kommen auf einen japanischen Pensionisten gerade noch eineinhalb sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. Die Einkommen der meisten Haushalte stützen sich auf Pensionen bzw. Altersvorsorgen und auf gewinnbringende Vermögenswerte. Der japanische Markt ist dementsprechend geschrumpft. Um wettbewerbsfähig zu bleiben bzw. um die Absatzzahlen irgendwie halten zu können mussten die Unternehmer die Löhne und die Kosten kürzen. Maßnahmen, die die Deflation beschleunigt und vertieft haben.

Alle auferlegten Konjunkturprogramme waren unter dem Strich sinnlos. Schnell erkannten die Minister rund um Premierminister Shinzō Abe, dass der Weg aus der Deflation schwieriger ist als erwartet. Das hatte zwei Gründe: Erstens wurden die notwendigen Strukturreformen zunächst verschlafen, und zweitens hat die japanische Wirtschaft keine neuen Märkte erschlossen. Im Vordergrund stand die Hoffnung, dass sich die Wirtschaft nach den Steuererhöhungen langsam aber sicher erholen wird.

Unter dem Begriff „Abenomics“ verstehen wir in Japan mittlerweile den Versuch von Premierministers Shinzō Abe mit einem umfangreichen Infrastrukturprogramm, einer enormen Geldschwemme und Deregulierungen die Wirtschaftskrise der letzten zwanzig Jahre zu durchbrechen. Ob Japan sich aus der Deflationsspirale befreien kann, ist aber noch ungewiss. Die Staatsverschuldung ist mittlerweile auf 225 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Viele Skeptiker befürchten, dass Japan nach der Steuererhöhung wieder in die Rezession abgleiten wird.

Droht Europa ein ähnliches Schicksal wie Japan? Die überraschend niedrige Teuerungsrate könnte den Gouverneursrat der Europäischen Zentralbank (EZB) in Zugzwang bringen. Ziel ist, wie erwähnt, eine Inflationsrate rund um 2 Prozent, um einerseits eine übermäßige Teuerung zu vermeiden, andererseits aber auch genügend Sicherheitsabstand zu einer negativen Preisentwicklung einzuhalten.

Letztendlich kann nur die EZB gegensteuern. Doch bleiben kaum noch Optionen übrig. Um eine sinkende Teuerungsrate in den Griff zu bekommen, werden die Leitzinsen gesenkt. Doch dieses klassische Instrumentarium wurde bereits total ausgereizt.

Derzeit nimmt Europa Kurs auf die Deflationsfalle.

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2017-08-18T13:16:39+00:00

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