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Märkte – Nur eine Metapher

Von Henrique Schneider

Es gibt nur Individuen und ihre spontanen Austauschprozesse

Bitte nicht stören: Zwei Individuen tauschen aus

Bildquelle: shutterstock

Liberale berufen sich gerne auf den Markt; und dieser soll möglichst frei sein. Das sei ihnen unbenommen. Was aber nur wenige vor Augen haben: Der Begriff des Marktes ist eine Metapher. Den Markt gibt es weder als reale Institution noch als Realität. Doch das ist kein Grund zur Panik. Liberale gewinnen nur, wenn sie dies anerkennen.

In der griechischen und römischen Philosophie gab es den Begriff des Äthers oder der Quintessenz. Er benannte eine ganz andere Eigenschaft als das Irdische. Einige Philosophen sahen darin das wichtigste Element überhaupt. Auch die frühe Technik bediente sich dieses Begriffs. Und zwar um das zu benennen, was sie nicht kannte. Um Winde oder die Übertragung von Klang zu beschreiben, griff man oft auf den Äther als Bezeichnung für ein kausales oder teleologisches System zurück, das man nicht kannte, von dem sich aber etwas aussagen ließ. Viele dieser ersten Naturwissenschaftler dachten nicht einmal, dass es Äther gibt. Sie wollten nur das sprachliche Bild einsetzen. Interessanterweise gibt es zeitgenössische Nobelpreisträger, die die Metapher des Äthers weiterhin für gebrauchsfähig halten.

Problematisch wurde es im Mittelalter und in der Neuzeit. Die Technik und Naturwissenschaft vergaßen die bildliche Natur des Begriffs „Äther“und behandelten ihn als real existente Entität. Immer mehr ging es darum, den Äther an sich zu erforschen, seine Qualitäten und Eigenschaften. Da gleichzeitig immer mehr Naturphänomene ohne Rückgriff auf Äther beschreibbar wurden, entstanden auch Theorien über das Versagen des Äthers.

Also: Solange man den Begriff des Äthers metaphorisch gebrauchte, erfüllte er seinen Zweck. Ging man aber davon aus, Äther sei eine reale Entität, versagte er – als Entität und als technische Kategorie.

Ähnlich verhält es sich mit dem Markt. Solange dieser Begriff als Metapher oder Abkürzung verwendet wird, ist er hilfreich. Wenn aber angenommen werden soll, es gebe den Markt oder einen Markt oder Märkte, dann wird Unheil angerichtet. Es lohnt sich, dies detaillierter darzulegen.

Märkte sind Individuen, die sich austauschen

Der Ursprung des Begriffs des Marktes ist auffällig: Individuen tauschen sich auf einem offenen freien Platz aus. Sie tauschen Güter gegen Güter, Güter gegen Geld, fremdes Geld gegen ortsübliches Geld, sie tauschen Informationen aus, sie suchen Informationen, Güter und Menschen, sie leihen Geld aus, stellen sich als Produzent, Konsument, Mittler zur Verfügung und vieles mehr. Nicht alle Aktivitäten dieser Individuen führen notwendigerweise zu einem Vertragsabschluss, doch alle Vertragsabschlüsse basieren notwendigerweise auf der menschlichen Interaktion und auf den Individuen als Träger der Interaktion und des Vertrages.

Gerade in diesem Bild werden die wichtigsten Eigenschaften des Marktes deutlich. Es sind diese:

Erstens: Es sind Individuen oder Gruppen von Individuen, die sich auf vielfältige und im Grunde genommen unvorhergesehene Art und Weise austauschen.

Zweitens: Nicht jeder Austausch führt zu einem Vertrag, aber jeder Vertrag gründet auf einem Austausch zwischen Individuen oder Gruppen davon.

Drittens: Die üblichen allokativen Ergebnisse des Marktes, vor allem Preis und Menge, sind die Ergebnisse vieler offener, vielseitiger, unvorhersehbarer Entdeckungs- und Austauschverhältnisse. Ja, die möglichen Ergebnisse des Marktes spielen keine Rolle im individuellen Austausch.

Viertens: Die Prozesse im Markt sind „chaotisch“ oder spontan in ihrer Natur, das heißt sie sind per Definition frei, weil sie den individuellen Präferenzen, die sich im Konglomerat der Austauschverhältnisse treffen, unterstehen und keiner übergeordneten Gesetzmäßigkeit. Selbst wenn sie den Anschein erwecken, Gesetzmäßigkeiten aufzuweisen, steht es den Individuen frei, jederzeit und ohne Vorankündigung diese Verhaltensmuster zu brechen.

Fünftens: Der Markt ist nicht nur der Austausch von Gütern, sondern auch einer von Informationen, Verhaltensmustern, Präferenzen und so weiter.

Was folgt aus diesen fünf Eigenschaften über den Markt für den Liberalismus und für die Ökonomie?

Freiheitlicher Liberalismus

Liberale können sich ob einer solchen Marktkonzeption glücklich schätzen. Die Forderungen nach einem möglichst freien Markt sind obsolet, weil jenes Konglomerat spontaner, nicht voraussehbarer Findungs- und Austauschprozesse von Individuen und Gruppen von Individuen, das man üblicherweise „Markt“ nennt, an sich frei sein muss. Wenn es nicht frei ist, handelt es sich nicht um ein Phänomen, das „Markt“ genannt werden kann.

Man mag nun einwenden, dies sei eine Tautologie. Die Antwort darauf ist:

„Ja“. Sie lautet vor allem so, weil der Markt an sich nur ein Bild oder eine Abkürzung ist. Die Abkürzung „usw.“ bedeutet „und so weiter“. Wenn man damit „zum Beispiel“ aussagen will, kann man die Abkürzung „usw.“ nicht verwenden. Gleich verhält es sich mit dem Begriff „Markt“ und der notwendig freiheitlichen Dimension des Konglomerats spontaner, nicht voraussehbarer Findungs- und Austauschprozesse von Individuen und Gruppen von Individuen, das man üblicherweise „Markt“ nennt.

Es folgt auch daraus: Interventionen beispielsweise eines Staates, um Marktergebnisse zu korrigieren, werden immer zur Marktverzerrung führen. Aber noch mehr. Die Interventionen werden selbst nicht zum angestrebten Ziel führen, weil die Individuen oder Gruppen davon, die sich austauschen, Wege finden werden, die Interventionen in ihre Präferenzenordnung zu integrieren. Verbietet beispielsweise im obigen Beispiel der Staat den Handel zwischen zwölf und 13 Uhr, werden einige Marktteilnehmer sich daran

halten, während andere aber Wege finden, die Regulierung zu umgehen. In diesem Fall kann das mit Termingeschäften stattfinden. Legt der Staat Steuern und Zölle auf, kann es sein, dass die Individuen oder Gruppen

davon einen neuen Ort des Austauschs suchen oder steuer- und zollrelevante Prozesse reduzieren oder auslagern. Andere Individuen oder Gruppen davon werden die Steuern und Zölle bezahlen und, wenn die anderen eine Alternative finden, entweder ihr folgen oder untergehen. Verbietet der Staat Formen von Kommunikation, können die Akteure im Markt andere Formen oder neue Technologien entwickeln, mit dem Verbot umzugehen.

Damit ist nicht gesagt, dass alle Akteure von der staatlichen Regelung oder von ihren Umgehungsversuchen  profitieren. In Wirklichkeit trifft das Gegenteil zu. Zunehmende Marktverzerrung bevorzugt und benachteiligt Marktakteure, aber sie verändert den Charakter des Marktes nicht fundamental. Denn der Markt hat keinen Charakter. Er ist nichts anderes als die Beschreibung der Aktionen von Individuen und Gruppen davon; und einige werden ihren Vorteil aus der staatlichen Intervention zu gewinnen wissen. Also gerade Staaten, die sich um das Wohlergehen aller Menschen besorgt nennen, sollten möglichst nicht in die Austauschprozesse der Individuen oder Gruppen davon intervenieren. Denn jede Intervention ist entweder eine partikularistische Politik oder wirkt sich als solche aus.

Bescheidene Ökonomie

Die Beschreibung des Marktes als Metapher oder Abkürzung hat auch weitreichende Konsequenzen für die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft. Vor allem wenn sich diese als das Studium des Marktes als Institution versteht, wird sie nicht weit kommen können. Eben weil der Markt keine Institution ist, sondern lediglich ein sprachliches Bild oder eine sprachliche Abkürzung. Die Volkswirtschaftslehre wird weiterhin allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten feststellen können, doch sie sind probabilistischer Natur. Die Idee, kausale Modelle zu entwickeln, wird ebenso obsolet, wie die teleologischen Modelle in der Ökonomie ihr Ende nahmen. Damit entfallen auch jene Pseudo-Gesetze, die im Laufe der Geschichte der Volkswirtschaftslehre zu normativen Vorgaben wurden, beispielsweise die Wohlfahrtsökonomie oder auch die Theorie der Marktversagen.

Wenn der Markt als Konglomerat spontaner, nicht voraussehbarer Findungs- und Austauschprozesse von Individuen und Gruppen von Individuen beschrieben wird, gibt es keine Gesetzmäßigkeiten, die der Politik dabei helfen, die allgemeine Wohlfahrt zu steigern, weil es keine allgemeine Wohlfahrt gibt. Es gibt das individuelle Wohlbefinden der Akteure im Markt. Doch über dieses Wohlbefinden kann niemand mehr wissen als die

einzelnen Akteure je selber. Ebenfalls gibt es in dieser Beschreibung kein

Marktversagen und keine staatliche Korrektur dessen, weil es ja keine

Märkte an sich gibt und somit keine Marktversagen. Versagen können die

einzelnen Individuen oder Gruppen davon. Im übrigen werden diese Versagen aus aggregierter Sicht weder vorauszusehen noch zu erklären sein, denn sie haben eine fundamentale Erste-Person-Perspektive. Es kann sogar sein, dass individuelle Versagen die Aktionen der übrigen Akteure als Ganzes positiv beeinflussen, weil sie Informationen freisetzen.

Ein Drittes, das die Ökonomie aufgeben muss, ist ihr starker Begriff der Rationalität. Freilich ist es weiterhin möglich, ein probabilistisches Postulat aufrechtzuerhalten, wonach einzelne Individuen sich konsistent verhalten, doch diese Konsistenz ist letztlich doch nur aus der ersten Person zu beobachten. Das Rationalitätspostulat wird auf eine Tautologie reduziert: Was auch immer Individuen tun, ist im Normalfall als rational gelten zu lassen.

Überhaupt ist diese neu gefundene Bescheidenheit der Volkswirtschaftslehre eine radikale. Die Beschreibung des Marktes als Konglomerat freiwilliger Interaktionen führt zur Erkenntnis, dass niemand mehr über den Markt

wissen kann als der Markt selbst, und der Markt selbst weiß nichts über sich. Das ergibt sich aus epistemologischen Überlegungen: Wer auch immer von sich behauptet, mehr zu wissen als der Markt, muss nachweisen, dass er die epistemischen Zustände aller relevanten Individuen und Gruppen davon kennt, sowie die Findungs- und Austauschprozesse, in denen sie sich befinden. Unmöglich ist es nicht, aber beinahe. Und weil der Markt keine Institution ist, besitzt er keine eigenen epistemischen Zustände.

Folgt daraus, dass es keine volkswirtschaftlichen Untersuchungen mehr gibt? Nein, denn weiterhin sind Untersuchungen im Sinne von Schumpeters und Kirzners Analyse der Natur des Unternehmerischen möglich; auch der praxeologische Stil von Mises und Rothbard ist Teil des Programms; sogar Kapitaltheorien à la Menger und Informationstheorien à la Hayek können zur Forschung gehören. Sogar deskriptive mikro- und makroökonomische Darstellungen sind möglich. Doch die Rechtfertigung staatlicher Intervention entfällt, die Regulierungs- und Verteiltheorien entfallen, und vor allem die kausale Modellierung entfällt.

u rü c k zu m Ma rkt

Das ist alles andere als ein dekonstruktivistisches Programm. Im Gegenteil. Es handelt sich um die Rückkehr zu dem, was der Markt überhaupt hätte bedeuten sollen. Adam Smiths Frage nach der Motivation des Metzgers, ihm Fleisch zu verkaufen, sowie sein Bild der „unsichtbaren Hand“ zeigen, worum es im Markt eigentlich geht: um individuelle Handlungen, die in der Spontaneität eine Ordnung ergeben. Die Marktteilnehmenden selber sind

immer wieder überrascht über den Markt. Sie stellen sich eine unsichtbare Hand vor, weil sie wissen, dass es keine gibt. Die Marktteilnehmer wissen, dass es keinen Markt gibt.

Mit dieser Rückkehr zum Markt wird der eigentliche Gehalt des Liberalismus wieder in den Mittelpunkt gesetzt. Es geht um die Individuen oder Gruppen davon, die selbstverantwortlich sich finden und austauschen. Damit das möglich ist, analysieren sie je einzeln und selbständig eigene Präferenzen, Informationen, Alternativen und vieles mehr. Dieser Prozess gründet in der Freiheit und in der jeweiligen Verantwortung des Einzelnen.

Diese zentralen Eigenschaften des Marktes wurden mit der Entwicklung der akademischen Volkswirtschaftslehre verdeckt. Sie wollte schließlich eine Institution sehen, wo keine war. Diese Eigenschaften sind auch durch zunehmende Einmischung des Staates in den Markt verdeckt worden. Schließlich will auch dieser eine Institution sehen, damit er sie regulieren kann.

Eine wichtige Aufgabe des zeitgenössischen Liberalismus ist, den Markt so darzustellen, wie er in Wirklichkeit ist: Es gibt ihn nicht. Es gibt nur spontane, nicht voraussehbare Findungs- und Austauschprozesse von Individuen und Gruppen von Individuen, die man üblicherweise „Markt“ nennt. Und das ist die gute Nachricht.

 

2015-05-21T17:11:08+00:00

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