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Der Wettlauf um Myanmars Rohstoffe hat begonnen. Obamas zweiter Kurz-Besuch verdeutlicht: Myanmar steht im Mittelpunkt globaler Strategiespiele.

aus Yangon von Raoul Sylvester Kirschbichler

Samurai und Kolonialherren, Könige und Mönche, Söldner und Legionäre, persische Prinzen und vornehme Händler – sie alle zogen in den letzten Jahrhunderten durch Myanmar, durch die Schatz- und Reiskammer Südostasiens. Heute sind es große Wirtschaftsdelegationen, die bei den verschiedensten Ministern vorsprechen, ihre Pläne ausbreiten und ihre großen Ideen vorstellen. Sie alle haben bei ranghohen Beamten gut gefüllte Kuverts hinterlassen, um so bald wie nur möglich einen Termin zu bekommen. Schon zur Zeit der Generäle war die Korruption ein unsichtbarer Begleiter aller wichtigen Wirtschaftsentscheidungen. Schmiergeldzahlungen, die Firmengründungen erst wirklich ermöglichen, sind auch heute noch allgegenwärtig in Myanmar und mit Sicherheit keine Frage des politischen Systems. Nichts ist für die großen Investoren unmöglich, wenn es um einen der letzten weißen Flecken auf unserem Erdball geht: Jeder einzelne Kontaktmann, der heutzutage Einfluss in Myanmar hat oder schon bald noch mehr Einfluss haben könnte, wird auf dem Weg zum großen Vertragsabschluss bedacht und mitfinanziert.

Beamte können in Myanmar oftmals nur überleben, sofern sie die pekuniären Zuwendungen auch entgegennehmen. Das Lohn- und Gehaltsschema steht immer noch in einem krassen Gegensatz zum Preisniveau. Ähnlich verhält es sich mit den Pensionen: Kein Pensionist kann ohne private Rücklagen bzw. ohne Unterstützung seiner Familie überleben. Die letzte Pensionserhöhung hat daran nichts geändert. Vieles ist für die meisten Burmesen unerschwinglich geblieben. Daran hat der einzigartige Boom der letzten Jahre nichts geändert.

Das Gespenst der Vergangenheit

Gehört die Diktatur wirklich der Vergangenheit an? Oder ist sie nur ein unsichtbares Gespenst, das jederzeit wieder Gestalt annehmen kann? Sicher ist, dass die hohen Offiziere die Militäruniform lediglich gegen den burmesischen Wickelrock eingetauscht haben. Myanmars Generäle lassen sich nicht so schnell ersetzen, schon gar nicht durch echte Demokraten. Alle Institutionen des Landes waren fünf Jahrzehnte im Griff der burmesischen Junta. Die Zivilisten, die nun die Geschicke des Landes lenken, sind zumindest Gleichgesinnte. Die politische Gefolgschaft rund um Präsident Thein Sein sieht den politischen Reformprozess als Grundvoraussetzung, als Wegbereiter für Auslandsinvestitionen, von denen jeder Einzelne persönlich profitieren kann.

Längst hat die politische Öffnung zu einem gnadenlosen Wettkampf um Myanmars Rohstoffe und Bodenschätze geführt: vom Erdöl und Erdgas bis hin zu Edelsteinen und Tropenhölzern. Vor allem, weil die Prognosen einzigartig sind. Die Wirtschaftsexperten der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) sind sich einig: Myanmar darf in den nächsten zehn Jahren mit einem Wirtschaftswachstum von zumindest 8 Prozent rechnen. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes wird sich bis 2030 verdreifachen – die ehemalige Perle Südostasiens könnte schon bald in neuem Glanz erstrahlen.

Wer vom Reichtum Myanmars langfristig profitieren möchte, der muss jetzt dort Fuß fassen: Jetzt werden die Pflöcke eingeschlagen, werden die Karten neu gemischt, werden Lizenzen vergeben und jetzt sollte auch die rechtliche Basis für die großen Auslandsinvestitionen entstehen. Myanmar mit seinen rund 60 Millionen Einwohnern ist ein kaum erschlossener Markt, weil das Land über ein halbes Jahrhundert lang von der burmesischen Militärjunta isoliert wurde.

Bis vor drei Jahren gab es keine nennenswerten internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Nur China, Myanmars großer Bruder, durfte sich im Land breitmachen. Bis zum heutigen Tag hat China seine Vormachtstellung in Myanmar behaupten können. Allerdings haben die jüngsten Bürgerproteste dazu geführt, dass die Chinesen den Bau eines Staudammprojekts einfrieren müssen. Myanmar ist und bleibt in den Augen der chinesischen Führung ein Vasallenstaat. Perfekt geeignet für den Bau von Häfen, Autobahnen und Pipelines, die das Reich der Mitte endlich mit dem Golf von Bengalen bzw. mit dem Indischen Ozean verbinden: Chinas rasant wachsende Mittelklasse benötigt dringend Erdöl – auch vom Persischen Golf.

Der Spielball der Großmächte

Einzigartig ist auch Myanmars Bedeutung für die Sandkastenspiele der Militärstrategen. Schließlich grenzt das Land an die größte Diktatur und an die größte Demokratie – an die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde. Chinas Diplomatie hat Indien in den letzten Jahren eingekreist. In Tibet, mit den Quellen der südasiatischen Flüsse, in Pakistan, Indiens Erzfeind, auf Sri Lanka (also vor Indiens Südspitze) – überall lässt China Häfen, Straßen und Bergwerke entstehen. Bleibt Myanmar primär unter chinesischem Einfluss, ist die Atommacht Indien endgültig von China-Sympathisanten umzingelt. Andererseits hängt es von Myanmar ab, ob China einen direkten Zugang zum Golf von Bengalen bekommt oder nicht.

Im Tauziehen um Myanmar hat sich die Europäische Union selbst um eine gute Startposition gebracht. Schließlich hatte Brüssel sehr schnell Wirtschaftssanktionen beschlossen, als das burmesische Militär gegen Demonstranten ausgerückt war. Eine durchaus berechtigte Konsequenz, die aber nie wirklich politisches Umdenken bei den Machthabern hervorgebracht hat. Eine Tatsache, die vorweg bekannt war und die auch hohe EU-Diplomaten gerne zugeben, sobald die Mikrophone ausgeschaltet sind. Klar war auch, dass ein Land, das zwischen zwei wachsenden Wirtschaftsgroßmächten wie Indien und China liegt, sich über lukrative Wirtschaftsbeziehungen nicht ernsthaft den Kopf zerbrechen muss.

Die EU-Sanktionspolitik hat jahrelang die wichtigsten diplomatischen Kanäle blockiert. Auch wenn es hinter den Kulissen immer wieder zu kurzen, natürlich inoffiziellen Gesprächen mit Myanmars Generälen gekommen ist, endgültig aufgehoben wurden die Wirtschaftssanktionen erst im April 2013. Rückblickend betrachtet haben die Sanktionen in erster Linie zu einem Umschiffen und Umzertifizieren von Gütern geführt, die für den EU-Raum bestimmt waren. Verschiedene Waren ´Made in Myanmar´ wurden nach Thailand geschickt und dort mit ´Made in Thailand´ versehen, ehe sie von Bangkok in die verschiedensten europäischen Hauptstädte verschickt wurden.

Myanmar schiebt sich wie ein Keil zwischen Indien, China und Südostasien und liegt zudem genau in der Mitte zwischen Delhi und Bombay bzw. Schanghai und Hongkong. Es ist die (noch) fehlende wichtige Verbindung. Doch das Land ist mehr als ein Umschlagplatz und viel mehr als ein reiner Rohstofflieferant.

Hinter der amerikanischen Annäherung an die politische Führung von Myanmar stecken in erster Linie globale Strategiespiele: Nach der Konzentration auf den Mittleren Osten hat Obama erkannt, dass er die Demokratien und die China-Gegner der Region stärken muss, möchte er China in Schach halten. Hier liegt der Ausgangspunkt der sogenannten transpazifi