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Gratulation nach Estland

Gratulation nach Estland

von Juan Sáenz-Diez

Juan Sáenz-Diez ist Direktor des Centre for Free Economic Thought (Zentrums für freies wirtschaftliches Denken) an der Estonian Business School sowie Doktorand und Dozent für Wirtschaft und Finanzen. Seine Forschungsinteressen umfassen das Management und die Automatisierung professioneller Dienstleistungsunternehmen, die Vermögensverwaltung und die österreichische Schule der Nationalökonomie.

 

 

Heute, am 20. August 2021, feiert Estland den 30. Jahrestag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Die Esten dürfen nicht vergessen, dass die UdSSR zwar zusammengebrochen ist, aber das sozioökonomische System, auf dem sie basierte, nämlich der Sozialismus, ist als Ideologie nicht verschwunden ist und in vielen Formen getarnt zurückkehrt. Und es führt zu denselben katastrophalen wirtschaftlichen Ergebnissen, die die Esten persönlich erlitten haben. Das Centre for Free Economic Thought (Zentrum für freies wirtschaftliches Denken) möchte den Esten herzliche Glückwünsche übermitteln – und eine deutliche Warnung.

Estland entstand als unabhängiger Staat infolge des Zusammenbruchs des russischen Reiches, etwa zur gleichen Zeit, als Lenin die Sozialdemokratische Partei in die Kommunistische Partei umbenannte, um seine flammende Vision der marxistisch-sozialistischen Ideologie militant umzusetzen begann. Nach dem russischen Bürgerkrieg wurde die neu geschaffene Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zum ersten formal sozialistischen Staat der Geschichte, und zwar zum ersten in einer traurigen Reihe Reihe von Ländern, die sich sowietsozialistische Ideale zu eigen machten und ihre Bevölkerung in großes Elend und allzuoft in den Tod stürzten.

Unterscheidet sich dieses kommunistische Regime wesentlich von den gemäßigten Sozialisten, die ihm nachfolgten, oder von den heutigen Sozialdemokraten oder Sozialisten unter jedem anderen Namen? Ich würde sagen, dass der grundlegende Unterschied in der Zeitpräferenz liegt: Lenin hielt die Umsetzung der Marx’schen Lehren für viel dringlicher als die heutigen Sozialisten und wählte die despotischsten Methoden, die ihm zur Verfügung standen, wie in den Schriften von Marx vorgeschlagen. Leninistische Kommunisten würden zuerst die Diktatur durchsetzen und dann das Proletariat über ihre eigene Diktatur indoktrinieren.  Ihre heutigen Nachfolger verfolgen eine umständlichere und schrittweise Strategie, indem sie die Demokratie gegen ihre eigenen Untertanen für dieselben despotischen Endziele einsetzen. Sie sind vielleicht eher Marxianer in dem Sinne, dass sie zunächst die Bevölkerung ideologisch beeinflussen und dann die Dinge deterministisch in Richtung Sozialismus laufen lassen. Wie F.A. Hayek treffend bemerkte, sind Sozialisten in allen Parteien zu finden. Marx kann auf viele Arten gelesen werden, und keine hat jemals zu einem guten Ergebnis geführt.

Während sozialistische Regime auf der ganzen Welt für ihre Untertanen Elend, Gefängnis und Tod bedeuten, bestehen die modernen westlichen Länder darauf, die intellektuelle und wirtschaftliche Freiheit zu beschneiden, die ihren wirtschaftlichen und kulturellen Reichtum begründet hat. Gegenwärtig sind die meisten der zehn Leitlinien des Kommunistischen Manifests (oder “Gebote”, für diejenigen, die sich des religiösen Charakters des Sozialismus bewusst sind) in der nicht-sozialistischen, “liberalen” oder “kapitalistischen” Welt ganz oder teilweise umgesetzt worden. Der so genannte “dritte Weg”, das Sammelsurium despotischer Interventionen, die den freien Markt bis zur Unkenntlichkeit beschränken sollen, ist der sozialistische Euphemismus, der die Welt auf den Weg in die Leibeigenschaft zurückführt. Der Interventionismus führt zum Sozialismus; es gibt kein Zurück aus diesem Teufelskreis zum Totalitarismus.

Die Esten haben bei zwei bedeutsamen Gelegenheiten die Freiheit erlangt, beide Male entgegen absolutistischer Regime, die sie nicht selbst geschaffen hatten. Diesmal könnte das Ende von Freiheit und Wohlstand nicht von einem Aggressor von Außen kommen, sondern von Estlands eigener Nachlässigkeit: dem Versäumnis, die langsame, aber konsequente Übernahme interventionistischer Maßnahmen in Richtung zentralisierter Planung und letztlich totaler Macht in den Händen einiger weniger Politiker und ihrer Gefolgsleute, die allen (außer sich selbst) vorschreiben, wie sie zu leben haben, zu erkennen und abzuwehren. Der Sozialismus ist theoretisch und praktisch unmöglich, moralisch inakzeptabel und hat sich in der Vergangenheit als katastrophal erwiesen, wie die Esten wissen und sich stets in Erinnerung rufen sollten. Dreißig Jahre dürfen nicht ausreichen, um zu vergessen.

 

 

 

Mehr zum Thema Estland hören Sie von Federico N. Fernández:

Vortrag in englischer Sprache.

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