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Kreationismus in Wirtschaft und Gesellschaft

Kreationismus in Wirtschaft und Gesellschaft

von Rainer Fassnacht

Kreationisten glauben nicht an den Prozess der Evolution. Sie gehen davon aus, dass göttliche Handlung Universum, Leben und Artenvielfalt schuf. Obwohl ein US-Gericht über den Kreationismus urteilte, er sei mehr Religion als Wissenschaft, ist die Strömung in Nordamerika verbreitet und auch in anderen Teilen der Welt anzutreffen.

Der biologische Kreationismus ist am bekanntesten, doch die zugrundeliegende Sichtweise ist auch in anderen Bereichen anzutreffen. Die Frage ob sich soziale Institutionen über die Zeit durch menschliches Zusammenwirken und Bewährung (durch Mutation und Selektion) herausbilden, oder durch politische Gestaltung (“Intelligent Design”) geschaffen werden, prägt unter anderem auch die Ökonomie.

Austrians können dem Kreationismus wenig abgewinnen. Aus Austrian-Economics-Perspektive sind das Marktergebnis und andere soziale Institutionen wie Geld oder Sprache „das Ergebnis menschlichen Handelns, jedoch nicht menschlichen Entwurfs“ (Hayek, Friedrich August. Freiburger Studien. Tübingen: J.C.B Mohr, 1969, S 97 ff).

Auch die Bedeutung von Innovation und Wettbewerb sowie die Rolle des Unternehmers in der Ökonomie macht deutlich, dass die österreichische Schule mit Kreationismus nicht kompatibel ist.

 

Ist „ökonomischer Kreationismus“ (analog zum biologischen Kreationismus) zwar verbreitet, aber in der Minderheit?

In sozialistischen Ländern wird versucht, Wirtschaft und Gesellschaft durch zentrale Planung und Lenkung zu gestalten. Dabei muss notwendigerweise angenommen werden, dass Planer und Lenker quasi gottgleiche Fähigkeiten haben. Sie wissen welche Ziele anzustreben sind und welche Mittel dafür eingesetzt werden müssen.

Unvermeidlich kommt hier das zum Tragen, was Hayek treffend „pretence of knowledge“ nannte. Ursachen und Folgen bzw. Gründe für das Scheitern der sozialistischen bzw. „kreationistischen“ Vorgehensweise beschrieb Mises in „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“.

Der Sozialismus zeigt die typischen Kennzeichen des Kreationismus: Nicht das Zusammenwirken von Individuen und die Bewährung oder das Scheitern im Zeitlablauf prägt das was ist, sondern eine „höhere Macht“.

Wie verhält es sich in etatistischen und interventionistischen Ländern? Wieviel Entscheidung erfolgt hier dem evolutionären Ansatz folgend bottom-up, und wieviel wird top-down erzwungen? Die Antwort ist abhängig von Art und Umfang der staatlichen Eingriffe. Diese sind in einigen Marktsegmenten z.B. der Finanzwirtschaft weitgehender als in anderen.

Passenderweise könnte man den Sozialismus als vollen ökonomischen Kreationismus bezeichnen. Etatismus und Interventionismus wären dann ökonomischer Teil-Kreationismus. In der Ökonomie ist der Kreationismus inzwischen eine Mehrheitsposition. Auch die jüngeren ökonomischen Strömungen („pluralistische“ Ökonomie) sind hier zuzuordnen. Nicht kreationistisch wären lediglich rein marktwirtschaftliche Länder.

 

Sprache und Kreationismus

Auch Sprache ist von kreationistischen Ideen betroffen. Ein europäisches Beispiel dafür ist der Versuch Frankreichs, verbreitete englische Worte – beispielsweise im Bereich der IT – durch französische Begriffe zu ersetzen.

So wird (zumindest in den Vorstellungen der Académie française) durch die „recommandation officielle“ das Wort Software durch logiciel ersetzt. Doch ob sich dieser Versuch bewährt und die zentrale Setzung tatsächlich den dezentralen Gebrauch verändert muss sich erst noch zeigen.

Ein deutsches Beispiel ist der erste Gesetzentwurf im generischen Femininum – einer dem normalen (im alltäglichen Gebrauch üblichen) Sprachgebrauch widersprechenden grammatischen Form. In beiden Fällen sind Zweifel angebracht, ob der kreationistische Versuch der „Sprachbildung“ von oben erfolgreich sein wird. Gefährlich ist, dass es überhaupt versucht wird.

 

Warum findet der ökonomische Kreationismus international viel Zuspruch, obwohl der biologische Kreationismus eine Minderheitsposition innehat?

Beim biologischen Kreationismus ist der Mensch als Lebewesen lediglich Objekt. Gott entscheidet über das was ist. Auch in der Evolution ist der Mensch nur ein Lebewesen unter anderen, er ist dem Prozess unterworfen. Beim ökonomischen Kreationismus bekommen einzelne Menschen Macht über andere.

Wer zu den Mächtigen, den zentralen Planern und Lenkern gehört hat guten Grund, die Wirkung dezentraler Prozesse kleinzureden und die Möglichkeiten politischer Gestaltung in rosigem Licht zu schildern. Dies dürfte der wesentliche Grund für die unterschiedliche Position des Kreationismus in biologischen Fragen auf der einen, und ökonomischen Fragen auf der anderen Seite sein.

Über die Diskussion zwischen Evolutionsleugnern und Darwinisten kann man schmunzeln. Kreationistische politische Aktivitäten – Sozialismus, Etatismus und Interventionismus, Politikerinnen und Politiker, die so tun, als ob sie die Geschicke zum Wohle aller zentral gestalten könnten – sind demgegenüber eine echte Gefahr für die individuelle Freiheit und das Gemeinwohl.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass kreationistische Ideen nicht auf die Biologie beschränkt und in der Ökonomie sogar relativ beliebt sind. Austrians haben guten Grund darauf aufmerksam zu machen, das kreationistische Ideen In Wirtschaft und Gesellschaft mit individueller Freiheit nicht vereinbar sind.

Vielleicht hilft es für die Gefahr zu sensibilisieren, indem deutlich gemacht wird, das politische Gesellschaftsplaner (mit mehr oder weniger offensichtlichen Allmachtsphantasien) mit den Leugnern der Evolution in einer Reihe stehen.

Rainer Fassnacht ist selbständig. Außerdem ist er Mitglied im Freundeskreis der Ludwig-Erhard- Stiftung und im Ausschuss Wirtschaftspolitik der IHK Berlin.

Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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