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Buchpräsentation: Tragedy and History von Scott Nelson

Scott Nelson

Tragödie und Geschichte: Der deutsche Einfluss auf Raymond Arons politisches Denken

Dr. Scott B. Nelson hielt beim letzten CRCM des Jahres am 4. Dezember einen Vortrag über sein 2019 erschienenes Buch „Tragedy and History: The German Influence on Raymond Aron’s Political Thought“. Das Buch basiert auf seiner Doktorarbeit über den französischen Intellektuellen Raymond Aron, für die er den Raymond Aron Preise 2017 erhielt.

Laut Nelson wird Raymond Aron in der akademischen Literatur entweder als Nachfolger der französischen liberalen Tradition, zu deren berühmten Vorgängern auch Montesquieu und Alexis de Tocqueville zählen, oder wegen seiner aristotelischen Klugheit (phronesis) betrachtet. Bezüglich der biographischen Entwicklung seines Denkens seien solche Ansätze teilweise lückenhaft, insofern als sie Arons Kommentare über seine eigenen intellektuellen Einflüsse ignorieren. Stattdessen bittet Nelson uns, Aron beim Wort zu nehmen, wobei der innere Zusammenhang seines politischen Denkens aus gewissen intellektuellen Fragestellungen besteht, denen Aron besonders früh in seinem Leben bei deutschen Denkweisen und Philosophien begegnet ist. Diese intellektuellen Probleme bestehen aus dem Verhältnis zwischen Menschen und Geschichte, Erkenntnis und Handeln, sowie Philosophie und Politik. Im Buch werden diese drei Probleme in drei verflochtenen Dimensionen seines Denkens – Geschichte, Soziologie, Praxeologie – erforscht, die ausgearbeitet werden, indem Aron in einen Dialog mit Wilhelm Dilthey, Karl Marx, und Max Weber gesetzt wird.

Buchpräsentation: Tragedy and History von Scott Nelson

Geschichte

Nelsons Vortrag konzentrierte sich auf diese drei Dimensionen und ihre heutige Relevanz. Zur Einleitung in die Dimension Geschichte folgte Nelson dem Denken Wilhelm Diltheys. Dilthey fragt uns, wie wir den ganzen Lauf der Geschichte verstehen können, wenn wir ein Teil davon sind und daher nur einen Teil des Ganzen betrachten können. Laut Nelson war die Lösung Arons, auf das Verstehen der ganzen Geschichte zu verzichten, und stattdessen die Pluralität der Deutungen der Geschichte anzuerkennen. Aron vermied auch die möglichen nihilistischen Konsequenzen von Diltheys Historizismus, indem er die in allen Kulturen und Zeitaltern bestehende Vernunft betonte.

Soziologie

Der Dialog zwischen Aron und Karl Marx kennzeichnete die Dimension Soziologie. Bei Marx wird die moderne Gesellschaft völlig vom Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat geprägt. Nicht so bei Aron, der die moderne Gesellschaft („industrielle Gesellschaft“ mit seinen Worten) auf drei verknüpften Ebenen analysiert: der wirtschaftlichen, der sozialen, und der politischen. Auf wirtschaftlicher Ebene ist z.B. die Trennung zwischen der Familie und dem Arbeitsplatz zu sehen. Wachstum ist außerdem der Antrieb auf dieser Ebene. Oft wurden Fragen gestellt, wie z.B., ob die obenerwähnte Trennung zwischen Familie und Arbeitsplatz wirklich noch existiert, oder ob die für moderne Gesellschaft unentbehrlich hohen Wachstumsraten, die in den 50er und 60er Jahren evident waren, in der Zukunft wieder auftauchen werden. Auf sozialer Ebene gibt Aron Marx Recht, dass der Unterschied zwischen Klassen bemerkenswert ist, aber es ist sinnvoller, den Unterschied zwischen der Elitenklasse und dem Volk zu analysieren, der  in der modernen Gesellschaft viel wichtiger ist. Auf politischer Ebene werden die Natur, Prinzipien, Ideale und Schwächen des „constitutional-pluralist“ Regime (Arons Begriff) diskutiert. Solche Regime sind durch Gesetze organisiert und gestatten den friedlichen Wettbewerb um politische Macht. Ideale wie Gleichheit und Freiheit werden angestrebt, deren unterschiedliche Interpretationen oft zum Streit innerhalb eines Regimes führen können. Die Tugenden dieses Regimes sind „negativ“, insofern als es viele individuelle Freiheiten erlaubt, aber dessen Lösungen oft unvollkommen wirken.

Praxeologie

Eine Diskussion über das Primat des Politischen und das komplexe Verhältnis zwischen den wirtschaftlichen, sozialen, und politischen Sphären bzw. die Wechselwirkung zwischen Ablauf und Drama in der Geschichte, führt zu der dritten Dimension des Buches, nämlich der Praxeologie.  Laut Aron sollte man unter Praxeologie das für politisches Handeln relevante Verhältnis zwischen Ethik und Politik verstehen. In dieser Hinsicht sprach Aron häufig von den zwei Ethiken Max Webers. Die Gesinnungsethik bezieht sich auf Handeln, das völlig auf die Tat selbst fokussiert. Im Gegensatz dazu, kümmert sich die Verantwortungsethik nur um die Auswirkungen (egal ob geplant oder nicht) einer Tat und fordert, dass der Staatsmann sich für alle Folgen verantwortlich fühlt. Für Aron war die Tragödie des weberschen Denkens, dass der deutsche Soziologe die wissenschaftliche Arbeit auf das Niveau einer existentiellen Wahl herunterstuft und deshalb sein eigenes Lebenswerk untergräbt. Tragisch ist auch Webers Befürchtung, dass ein militärisch machtstrebendes Deutschland die eigene Kultur zerstören könnte, die Weber dringend verteidigen wollte.

Klugheitsethik

Die tragische Deutung der Geschichte führt Aron zu seiner berühmten Klugheitsethik (morality of prudence). „Klug sein heißt, auf Grund der besonderen Konstellation und den konkreten Gegebenheiten zu handeln, nicht aus Systemgeist oder aus passivem Gehorsam gegenüber einer Norm oder einer Pseudonorm, heißt, die Begrenzung der Gewalttätigkeit der Bestrafung des angeblich Schuldigen oder einer sogenannten absoluten Gerechtigkeit vorzuziehen, heißt, sich konkrete Ziele zu stecken, die erreichbar und dem jahrhundertealten Gesetz der internationalen Beziehungen entsprechen, und nicht unbegrenzte und vielleicht bedeutungslose Ziele, wie eine für die Demokratie sichere Welt oder eine Welt, aus der die Machtpolitik verschwunden wäre.“ Die Klugheit befindet sich zwischen dem Dogmatismus und dem Relativismus, im Spalt wo die Politik und die Philosophie möglich seien. Aber die Philosophie, unsere Ideen, unser politisches Regime werden teilweise von der Geschichte und unserer Interpretation der Geschichte beeinflusst. Die Interpretation der Geschichte führt zu der Interpretation unserer Epoche (der industriellen Gesellschaft) und dann zu der Praxeologie und schließlich zurück zur Interpretation der Geschichte. „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie kennen die Geschichte nicht, die sie machen.“

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