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Verteilungsfragen des Handelskrieges mit Russland

Verteilungsfragen des Handelskrieges mit Russland

Die Stimmen häufen sich, die Russland bestätigen, seinen Feldzug gegen die Ukraine unterschätzt zu haben. Sowohl, was den Widerstand der Ukrainer selbst angeht, als auch den internationalen Protest. Neben hunderttausenden Demonstranten auf der ganzen Welt, die den Ukrainern ihre Solidarität bekundeten und selbst in Russland hohe Gefängnisstrafen riskierten, verabschiedeten sich auch zahllose westliche Firmen von Apple über H&M und Lego bis hin zu McDonalds und Ikea aus dem russischen Markt. Selbst auf dem eigenen Öl bleibt das eurasische Riesenland derzeit trotz gewaltiger Preisnachlässe sitzen. Noch tiefer sitzt der Schlag durch chinesische Unternehmen, etwa Lenovo, dass sich dem Boykott anschloss und somit die Versorgung von russischen Haushalten mit Multimedia-Elektronik gänzlich in Frage stellt.

Hinzu kommen komplexere Bau- und Ersatzteile, die den zivilen Flugverkehr lahmzulegen drohen, weil die meisten Maschinen von Boeing oder Airbus sind und auch diese beiden Firmen bereits angekündigt haben, sich an den Sanktionen zu beteiligen. Auch Autobauer wie Avtovaz musste die Produktion von Ladas einstellen, da die benötigten Chips des deutschen Zulieferers Bosch fehlten. Allgemein scheint die russische Führung bei ihrer Kalkulation der Sanktionen die zukünftige Versorgung mit Hardware völlig außer Acht gelassen zu haben, denn die USA haben hier nahezu ein Monopol, mit dem sie politische Gegner bis hin zur Existenzvernichtung treiben können. Somit ist die gesamte Versorgung Russlands mit Halbleitern in fast allen wichtigen Industriebranchen des 21. Jahrhunderts gefährdet, so die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in einer Studie.

Die Hand am Gashahn

Die Sanktionen betreffen also massiv die russische Mittelschicht, die nun plötzlich weniger und in schlechterer Qualität konsumieren kann, jedoch auch direkte Konsequenzen für ihre Jobsicherheit beispielsweise in der Industrie hat. Die Antwort Putins könnte darin bestehen, den Gashahn weiter zuzudrehen. Es wäre ein direkter Eingriff in den Lebensstandard in weite Teile der europäischen Mittelschicht, da besonders in Osteuropa, jedoch auch in Wien, zahlreiche Haushalte ihre Energie in Form von Gas beziehen.

Und Putin hätte dabei kaum etwas zu verlieren. Das sagt zumindest die ökonomische Theorie zu Sanktionen auf dem Gasmarkt. Die Graphik in Abbildung 1 zeigt dabei den europäischen Gas-Markt, mit Russland, zumindest in Ost- und Zentraleuropa als annäherndem Energiemonopolist (immerhin werden europaweit neben 41 Prozent des Erdgases, auch 27 Prozent des Erdöls und 46 Prozent der Festbrennstoffe wie Kohle aus Russland importiert). Dazu hat sich Putin einen Fuß in der Tür anderer wichtiger Importeure etwa Libyen, Aserbaidschan oder Kasachstan auf kriegerischem oder diplomatischem Weg gesichert.

Auf der horizontalen Achse ist dabei die Menge an geliefertem Gas nach Europa (in Kubikmetern) aufgetragen, auf der vertikalen Achse der Preis pro Kubikmeter. Die graue Kurve beschreibt dabei die aggregierte Nachfrage der Europäer – je niedriger der Preis umso höher die nachgefragte Menge. Diese ist zumindest bis zu einem gewissen Grad flexibel – doch angesichts des Europäischen Energiebedarfs von sechs Megawattstunden im Schnitt nur unter höchsten Wohlstandsverlusten einschränkbar. Die blaue waagrechte Kurve beschreibt das Angebot Russlands, welches aufgrund der staatlichen Kontrolle der größten Anbieter wie Gazprom, Rosneft oder Lukoil und somit der Bereitschaft, Energiepolitik als politisches Instrument einzusetzen nicht besonders preissensitiv ist. Darüber hinaus muss gesagt werden, dass der Aufbau von größeren Kapazitäten, wie Erschließung und Anbindung von neuen Gasfeldern, auch ein Projekt von mehreren Jahrzehnten sein kann und somit nicht kurzfristig auf hohe Preise reagieren kann.

Abbildung 1 Verschiebung von Angebots- und Nachfragekurve durch Senkung der Liefermengen durch Russland

Verteilungsfragen des Handelskrieges mit Russland

Quelle: eigene Darstellung

Vor Beginn des Konfliktes verkaufte Russland zum Preis P0 an die Europäer, diese waren bereit dafür die Menge M0 abzunehmen. Im hypothetischen Szenario, dass Putin nun auf die westlichen Sanktionen mit einer Drosselung der Energielieferungen reagiert und beispielsweise nur noch die Menge M1 liefert. Den Europäern blieben kaum Alternativen, ihren Energiehunger woanders zu stillen. Doch für diese geringere Menge wären die europäischen Abnehmer auch bereit den, um ein Vielfaches höheren, Preis P1 zu bezahlen.

Die Konsequenzen sind in Abbildung 2 dargestellt. Putin behält zwar das graue Rechteck (Verkaufserlöse), verliert durch den Lieferstopp von Erdgas jedoch das blaue Rechteck an Erdgaseinnahmen (Einnahmeverluste). Dafür gewinnt er jedoch das weiße Rechteck (Rentenerlöse). Rentenerlöse bezeichnen in der Ökonomik in der Regel Gewinne, die jemand erzielt, ohne etwas Produktives zur Gesellschaft beizutragen. Solche Renteneinnahmen entstehen in der Regel durch Monopole, so zum Beispiel durch geerbten Grund und Boden, den man jedoch selbst nicht bestellt, jedoch außerordentliche Profite machen kann, wenn man ihn beispielsweise an einen Bauern unter äußerst ungünstigen Konditionen verpachtet (unter der Annahme, dass Boden knapp ist und der Eigentümer ein Monopol hat).

In Russlands Fall ist es so, dass auf seinem Boden zufällig Erdöl- und gas in rauen Mengen lagert, die es sonst nirgendwo gibt, jedoch von hochproduktiven Industrienationen gebraucht wird, wie ein Stückchen Brot und deswegen auch bereit sind hohe Preise in Kauf zu nehmen – weswegen rohstoffreiche Länder auch gerne als Rentenstaaten bezeichnet werden. Kurz zusammengefasst: Putin ist es wohl egal, ob wir viel von seinem russischen Erdgas zu einem niedrigen Preis pro Kubikmeter beziehen, oder ob wir wenige Kubikmeter, dafür aber zu einem höheren Preis abnehmen, um damit seinen Krieg in der Ukraine, seine Beamten und den Sicherheitsapparat, Renten und andere Sozialleistungen oder seinen innersten Kreis an Oligarchen zu finanzieren – was die dann unter Beachtung der Sanktionen kaufen können, ist selbstverständlich eine andere Frage.

Abbildung 2 Rentenerlöse für Russland durch höhere Preise, Wohlfahrtsverluste für Europa durch niedrigere Liefermengen

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Quelle: eigene Darstellung

Die Gefahr hoher Energiepreise

Umgekehrt steht es um das ockerfarbene Dreieck, welches mit Wohlstandsverlusten gekennzeichnet ist. Diese gehen nämlich einseitig zu Lasten der europäischen Bevölkerung. Diese könnte man als Anzahl an heißen Duschen, auf die wir verzichten müssen, zählen bis hin zu stillstehenden Fließbändern oder Betrieben, die in die Pleite rutschen, weil diese die aktuellen Strom- und Energiepreise nicht mehr bezahlen können und uns in Form von Arbeitslosigkeit und entgangenen Steuereinnahmen belasten, mit denen sonst zahlreiche Sozialleistungen bei uns bezahlt werden.

Einen Vorgeschmack auf ein solches Szenario erhielten wir bereits in letztem Spätsommer, als die Inflation neue Höchstwerte erreichte. Besonders die Treibstoff- und Energiepreise trieben diese Teuerung an und machten der europäischen Industrie zu schaffen. Selbst im erdölreichen Norwegen kündigte der Chemiekonzern Yara International mit mehreren europäischen Ablegern eine Senkung der Düngemittelproduktion um 40 Prozent an. Auch große deutsche Unternehmen, wie BASF litten unter den Strompreisen, berichtete der Fokus bereits im Oktober 2021. Gemäß einer Meldung des ukrainischen Media Crisis Center vom 12.10.2021 waren diese Preise bereits damals (neben einer anspringenden Weltwirtschaft nach Corona zumindest in Teilen) Resultat künstlicher Verknappung durch Russland.

Italien befürchtete gar eine Erhöhung der Strompreise um 40 Prozent und intervenierte stark auf dem Energiemarkt. Die hohen Energiepreise setzten bereits vor dem Ukrainekrieg die wirtschaftliche Erholung des Kontinentes aufs Spiel. Beispielsweise wirkten sich diese in Spanien besonders fatal auf kleine Unternehmen aus, die immerhin 71,9 Prozent der Arbeitsplätze im Land schaffen. In der Zeit, in der sich die Umsätze aufgrund von Lockdowns halbierten, verdoppelten sich die Stromrechnungen, rechnet die Geschäftsführerin einer kleinen Reinigung der Nachrichtenagentur Reuters vor. Besonders wichtig für die Erholung Spaniens ist der private Konsum. Doch das viele Geld, das andernfalls für Restaurantbesuche oder Einkäufe ausgegeben worden wäre, fließt nun völlig in die Stromrechnung. Dies trifft ausgerechnet jene, die während Corona besonders gelitten haben – den Mittelstand. Offensichtlich würde eine weitere Eskalation auf den Energiemärkten auch die Europäische Mittelschicht bis ins Mark treffen.

Die Verteilung des Wohlfahrtsverlust

Selbst ohne russische Gegensanktionen würde es zu einer der größten Herausforderungen Europas die Wohlstandsverluste des ockerfarbenen Dreiecks unter der Bevölkerung aufzuteilen. Die österreichische Energieministerin Leonore Gewessler kündigte in der ZIB bereits Notfallpläne für den Fall eines russischen Gasstopps an: die Haushalte könnten im äußersten Notfall bis Ende März aus den zu 18% gefüllten Speichern versorgt werden, mit den Industrieunternehmen würden jedoch Notfallpläne ausgearbeitet ihre Produktion zu senken und Gas zu sparen. Offensichtlich ist, wenn Putin nicht mehr Gas zu liefern bereit ist, so muss das verbliebene Gas unter den verschiedensten Stakeholdern aufgeteilt werden. Die Frage ist jedoch, wie? Wer darf noch wie oft heiß duschen? Ist der Kubikmeter Gas bei wettbewerbsfähigen deutschen Industrieunternehmen besser aufgehoben als bei kleinen spanischen Familienbetrieben im Tourismus? Soll er verwendet werden, um Sozialschwache vor Energiearmut zu bewahren oder um die Aluminium- oder Stahlhütte weiterzubetreiben?

Im Großen und Ganzen gibt es zwei Möglichkeiten mit diesem Mangel umzugehen. Man überlässt dies den Marktkräften. In diesem Fall würde das Gas zu jenem gehen, der bereit ist, mehr dafür zu bezahlen. Der wohlsituierte Haushalt würde somit den Mangel lediglich etwas in der Geldbörse spüren, während der Geringverdiener-Haushalt im Ernstfall sogar ohne Gas zum Kochen und zum Heizen dastehen könnte. Noch gravierender ist, dass diese nicht einheitlich über die Europäische Union verteilt sind. Laut Europäischer Kommission gelten 52 Millionen der europäischen Haushalte als energiearm im Sinne von nicht in der Lage zu sein, das Heim adäquat warm zu halten. In der großen Masse befinden sich diese in Ost- und Südeuropa. Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen: besonders in kalten Wintern Osteuropas kommt es vor, dass Menschen erfrieren, weil sie an der Heizung sparen müssen.   

Ungarn half sich damit ab, die Preise für Treibstoffe einzufrieren. Doch zeugt dies eher von einem Missverständnis, wie Märkte funktionieren. Hohe Preise signalisieren auf einem Markt Knappheit und somit den Akteuren, sparsam damit umzugehen. Den Ungarn wurde mit dem Preis jedoch signalisiert, einfach ihren bisherigen Lebensstil noch weiter auszubauen. Ganz im Gegenteil wurden Tanktouristen aus der Slowakei angezogen, die Reserven leerten sich stattdessen noch schneller. Die Handlungen und Äußerungen der europäischen Regierungen im letzten Monat, etwa Frankreichs, Österreichs oder Sloweniens, zeugen davon, dass man diese Lösung präferiert.

Dieses Handeln zeigt bereits, die verbleibende Möglichkeit mit dem Mangel umzugehen: die Politik entscheidet, wer wieviel Gas bekommt. Jedoch ist es so, dass Politiker relativ schlecht informiert sind, wer wieviel Gas zu welchem Zweck benötigt. Nur weil man Geld und Gutscheine verteilt, bedeutet dies nicht, dass mehr Gas aus der Leitung sprudelt, lediglich die Verteilung ändert sich. Die Gefahr ist groß, dass sich innerhalb der Länder ein Wettlauf entfaltet, welche Lobby bei seinen Politikern mehr Förderungen für ihre Interessengruppe herausschlägt – und an Gründen, warum ausgerechnet diese es am meisten nötig hat, wird es nicht mangeln. Für alle nicht Begünstigten wird sich die noch knappere Menge somit weiter verteuern. Auch zweifelt niemand daran, dass die reichen Länder der Union ihre Firmen und Bürger so weit subventionieren, dass sie sich ein größeres Stück vom kleiner werdenden Gas-Kuchen sichern werden können. Die Bürger anderer, ärmerer Länder (ob innerhalb der EU oder außerhalb), werden so womöglich als Ganzes aus dem Markt gekickt.

Sollte sich dieser Konflikt noch über lange Zeit strecken – was absehbar ist – so hätte eine Drosselung der Gaslieferungen ein enormes Spaltungspotential nicht nur zwischen den verschiedenen Einkommensschichten und Interessengruppen hinweg innerhalb der europäischen Länder, sondern über die Europäischen Nationen hinweg. So eisern die Front zu Beginn des Krieges war, umso wahrscheinlicher könnte diese Einheitsfront wieder bröckeln, sobald die Menschen realisieren, wie direkt ihr persönlicher Wohlstand betroffen ist. Irgendwann würden Parteien unter dem Druck der Wähler nachgeben – oder sich neue Parteien bilden, die die alten ersetzen – und wieder näher an Russland heranrücken, um großzügigere Lieferkonditionen zu erhalten. Sie könnten auch innerhalb der europäischen Institutionen zu Gunsten Putins lobbyieren und so strategische Entscheidungen zu Fall bringen. Sicher ist, Putin wird die europäische Familie einem weiteren Härtetest unterziehen. Fraglich ist, ob unser Führungspersonal darauf vorbereitet ist. Die derzeitigen Antworten, ob in Fragen der Rüstung oder Verteilungsfragen lässt dazu jedoch nichts Gutes erhoffen: die Geschwindigkeit mit welcher Höchstbeträge für Rüstung oder Subventionen freigemacht werden, lässt auf eine ähnliche Strategie wie zu Beginn für Corona schließen: wir starten mit einem Sprint in einen Marathon und wundern uns, wenn insbesondere der Mittelklasse unterwegs die Luft ausgeht.

 


 

Nach seiner Lehre zum Speditionskaufmann und zehnjähriger Logistikerfahrung und einer anschließenden Weltreise durch Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika studierte Simon Kiwek Volkswirtschaft mit den Schwerpunkten Entwicklungs- und Ressourcenökonomik. Während des Studiums arbeitete er als Wirtschaftsjournalist und verfasste unter anderem Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Afrika und Russland. Derzeit ist er in der Budget- und Controlling-Abteilung des Gesundheitsministeriums.

Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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