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Warum die Soziale Marktwirtschaft Erfolg hat

Warum die Soziale Marktwirtschaft Erfolg hat

von Lars P. Feld, Peter Jungen, Ludger Schunkecht

KÖLN – Die COVID-19-Pandemie hat die laufenden Debatten über die Zukunft des Kapitalismus und den zur Erfüllung der langfristigen Bedürfnisse der postpandemischen Welt geeignetsten wirtschaftspolitischen Rahmen intensiviert. Die entwickelten Länder werden natürlich ein starkes Wachstum brauchen, um den durch das Virus angerichteten wirtschaftlichen Schaden auszugleichen und den vom Klimawandel und ihren alternden Gesellschaften ausgehenden Herausforderungen zu begegnen. Jedoch verlangsamt sich seit Jahrzehnten überall in der entwickelten Welt das Wirtschaftswachstum, was Zweifel am Umgang mit diesen Herausforderungen aufkommen lässt.

Wie sollte man die Lücke zwischen tatsächlichem und erforderlichem Wachstum schließen? Sollten sich die entwickelten Länder weiterhin auf eine keynesianische Nachfragesteuerung konzentrieren und die Anhäufung von immer mehr Schulden riskieren? Oder sollten wir uns auf einen längerfristigen, regelgestützten Ansatz verlegen, der -wenn auch auf Kosten gewisser politischer Ermessensspielräume – Erwartungen verankert und Vertrauen schafft?

Dies sind inzwischen dringende Fragen, und doch werden sie nicht offen diskutiert. Im Verlauf der Pandemie war es bislang Konsens, dass die Regierungen eingreifen sollten, um durch fiskal- und geldpolitische Impulse die Gesamtnachfrage anzukurbeln. Doch während es eindeutig einer entschlossenen Krisenreaktion bedurfte, um im vergangenen Frühjahr eine wirtschaftliche „Todesspirale” abzuwenden, wurde den Fallstricken der Nachfragesteuerung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Diese reichen von den Folgen enormer staatlicher Haushaltsdefizite bis hin zu potenzieller neuerlicher Inflation, nachlassendem Konjunkturoptimismus und der künftigen Steuerpolitik.

Zugleich haben regelgestützte Strategien zunehmend an Beliebtheit verloren. Eine starke Strömung lehnt jede Maßnahme ab, welche die derzeitigen geld- und fiskalpolitischen Experimente behindern könnte. Regeln wie der Stabilitäts- und Wachstumspakt der Europäischen Union, der staatliche Haushaltsdefizite und Verschuldung bei 3% bzw. 60% vom BIP deckelte, scheinen inzwischen als Verkörperungen einer „unmoralischen Sparpolitik” diskreditiert, obwohl damit in Zypern, Irland, Portugal und Spanien in den 2010er Jahren klare Erfolge erzielt wurden.

Zudem hat der singuläre Schwerpunkt auf die Nachfragesteuerung der Politik den Blick dafür verstellt, dass die heutigen Herausforderungen struktureller Art und kein bloßes Ergebnis der Pandemie sind. Sorgen über zunehmenden staatlichen Interventionismus gehen mit verringerten Gesamtinvestitionen einher. Trotzdem fordern viele Ökonomen noch mehr staatliche Eingriffe und vernachlässigen die Frage, was die expansive Geld- und Fiskalpolitik langfristig für das Wachstum bedeuten wird.

 

Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft

Während viele im Westen mit dem Fokus auf kurzfristige Erfolge beschäftigt waren, verfolgen einige asiatische Länder bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen einen stärker strategischen, langfristigen Ansatz.

Ganz besonders trifft dies auf China zu, das sich im Umgang mit seinen Entwicklungsherausforderungen systematisch bemüht, aus den Erfahrungen anderer zu lernen. Insbesondere hat die chinesische Führung zu verstehen versucht, wie es Deutschland geschafft hat, angesichts von Herausforderungen, die vom Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg und der großen Inflation bis zur Wiedervereinigung und der globalen Finanzkrise von 2008 reichten, die meisten anderen westlichen Länder wirtschaftlich zu übertreffen.

Zu diesem Zweck haben zwei von uns (Feld und Jungen) gemeinsam mit dem ehemaligen Generaldirektor der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften Zhou Hang und dem früheren stellvertretenden Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds Zhu Min eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt, um die wesentlichen Elemente der deutschen Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit zu ermitteln. Diese Arbeit kulminierte in dem Buch The Social Market Economy: Compatibility among Individuals, Markets, Society, and the State, das die wichtigsten Merkmale des deutschen Modells, den zu seiner Schaffung führenden historischen  Kontext und die Lehren, die es für unsere eigene Zeit bereithält, (auf Chinesisch) skizziert.

Das Buch macht deutlich, dass die deutsche Soziale Marktwirtschaft nicht an bestimmte Umstände gekettet ist. Vielmehr besteht sie im Wesentlichen aus einer Reihe universeller Prinzipien und Regeln für eine offene Wirtschaft. Sie tritt für einen starken Staat ein und teilt Adam Smiths Ansicht, dass die angemessene Rolle der Regierung darin besteht, unverzichtbare öffentliche Güter und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, die Spielregeln festzulegen und dann als Schiedsrichter zu dienen.

Es geht also beim „sozialen” Element der Sozialen Marktwirtschaft nicht um Staatseigentum oder staatliche Lenkung wie im Sozialismus. Stattdessen verweist der Begriff auf eine regelgestützte Wirtschaft, in der sozialen Interessen angemessen Rechnung getragen wird.

 

Ein Modell für offene Gesellschaften und freie Bürger

Obwohl die soziale Marktwirtschaft unter einzigartigen Bedingungen umgesetzt wurde – sie ging aus den Ruinen einer der verheerendsten und zerstörerischsten Phasen der menschlichen Geschi chte hervor -, eignet sie sich gut für jedes Land, das sich zur Verfolgung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung bekennt. Im deutschen Kontext hatte die Idee eines liberalen Reformpakets ihren Ursprung in der Freiburger Schule (so benannt nach der malerischen Stadt am Fuße des Schwarzwaldes, in der die Universität Freiburg beheimatet ist).

Die wichtigsten Protagonisten der sozialen Marktwirtschaft waren die Ökonomen Walter Eucken und Franz Böhm, und sie war stark von dem (damals in London im Exil lebenden) österreichischen Ökonomen Friedrich A. von Hayek beeinflusst.

Auch Henry Simons und Frank Knight von der University of Chicago inspirierten das diesem Ansatz zugrundeliegende „ordoliberale” Denken.

Die wahre „Geburtsstunde” der Ökonomik der Freiburger Schule war 1936, mehr als ein Jahrzehnt vor der Währungsreform in einem der dunkelsten Momente deutscher Geschichte. Damals veröffentlichten Böhm, Eucken und Hans Grossmann-Doerth das Manifest „ Unsere Aufgabe”, eine Entgegnung auf die kollektivistischen Ideen, die mit Stalins katastrophalen Fünfjahresplänen und der zunehmend interventionistischen und klientelistischen Wirtschaftspolitik der Nazis inzwischen scheinbar ihren Triumphzug angetreten hatten.

Angesichts dieser Entwicklung sahen Böhm, Eucken und Grossmann-Doerth die Notwendigkeit für eine systemische, grundsätzliche Betrachtung  der Wirtschaft. Ihr aus der Perspektive nicht nur von Ökonomen, sondern auch von Juristen verfasstes Manifest propagierte die Vorstellung Hayeks von einer „Wirtschaftsverfassung”,  die besondere Gesetze zu Insolvenzen, Arbeit, Immobilien  und anderen relevanten  Bereichen  umfasste -immer mit dem Ziel, ein gut funktionierendes, auf dem Wettbewerb am Markt beruhendes  System zu gewährleisten. Zu einer Zeit, in der Adolf Hitler das Land fest im Griff hatte, war die Veröffentlichung eines derartigen Manifests äußerst mutig.

Als wieder Frieden eintrat und die Deutschen begannen, sich erneut selbst zu regieren, bemühte sich Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, das Manifest in die Praxis umzusetzen. Erhard verstand sich als Liberaler und war stark von ordoliberalen Vorstellungen beeinflusst. Doch Narrative und Begriffe sind wichtig; daher prägte Alfred Müller-Armack, ein weiterer Ordoliberaler der ersten Stunde und leitender Regierungsbeamter unter Erhard, 1947 den Begriff der „sozialen Marktwirtschaft”, der als öffentlicher Ausdruck des „Ordoliberalismus” dienen sollte.

 

Geburt eines Wirtschaftswunders

Die ersten Schritte des ordoliberalen Weges wurden drei Jahre nach Kriegsende gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland bettelarm, verzweifelt und nahezu gelähmt. Die Wirtschaft des Landes war vom Schwarzhandel und weit verbreiteten Mechanismen zur Wirtschaftssteuerung geprägt. Letztere waren von einer enormen Bürokratie verhängt worden, die nicht nur die Überreste des alten deutschen Staates, sondern auch die Militärverwaltung der Besatzungsmächte (den USA, Großbritanniens und Frankreichs) umfasste. Es fehlte an allem, und verschiedene Formen des Interventionismus, staatlicher Planung und Kontrolle überwogen. Doch Deutschlands angehende Nachkriegsregierung bereitete sich darauf vor, einen anderen Kurs einzuschlagen.

Ein entscheidender Moment kam am 20. Juni 1948, als die Deutsche Mark als neue Währung eingeführt wurde. Dies fiel mit Erhards Entscheidung zusammen, das Kriegs- und Nachkriegssystem der Bewirtschaftung durch das Leitsätzegesetz abzuschaffen. Mit diesen beiden scheinbar simplen Schritten war die Grundlage für die Marktwirtschaft gelegt. Künftig würden die Preise für die meisten Waren und Dienstleistungen durch das freie Spiel der Märkte statt durch die öffentliche Verwaltung bestimmt werden. Schon bald waren die Auslagen der deutschen Geschäfte wieder mit Waren gefüllt und der Schwarzmarkt wurde von der offiziellen Wirtschaft abgelöst.

Mit der Liberalisierung der Märkte und der Stärkung des Wettbewerbs vollzogen Erhard und seine Mitstreiter aus der Freiburger Schule in der Adenauer­ Regierung einen Bruch mit Deutschlands langer Tradition der Monopole, Kartelle und spontanen staatlichen Eingriffe. Konsum und Produktion passten sich rasch aneinander an, da die Unternehmer Arbeitskräfte und knappes Kapital für produktivere Zwecke einsetzten. Es gab mehr Investitionen und Innovationen.

Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit war geboren. Mit der Freisetzung der Marktkräfte zur Wiederbelebung der moribunden Wirtschaft verfolgte die deutsche Politik einen Kurs, der heute offensichtlich erscheinen mag, aber der es damals durchaus schwer hatte.

Ironischerweise standen ausgerechnet Vertreter der USA, der führenden Marktwirtschaft der Welt, den ordoliberalen Reformen mit am skeptischsten gegenüber. Obwohl heute unmöglich zu rekonstruieren ist, was Legende und was Fakt ist, gibt es eine Anekdote, wonach General Lucius D. Clay, der Militärgouverneur der amerikanischen Zone, Erhard kommen ließ und ihm sagte, er dürfe die Regeln der Preisverwaltung nicht ändern:

„Herr General, ich habe die Regeln nicht geändert, ich habe sie aufgehoben”, entgegnete Erhard.

„Professor Erhard, alle meine Berater sagen mir, dass eine Marktwirtschaft in Deutschland nie funktionieren wird.”

„Keine Angst”, beruhigte ihn Erhard, „meine Berater sagen mir dasselbe.”

Es dauerte dann einige Zeit, bis sich die deutsche Bevölkerung für den neuen Ansatz erwärmte. Diese Zögerlichkeit war verständlich nach jahrelanger nationalsozialistischer Diktatur und Unfreiheit. Trotzdem wählte die deutsche Bevölkerung 1949 den langjährigen Kölner Bürgermeister Konrad Adenauer (CDU), der die Naziherrschaft nie unterstützt hatte, zum ersten westdeutschen Bundeskanzler, und Adenauer betraute Erhard mit dem Wirtschaftsressort. Die Soziale Marktwirtschaft war die Plattform, auf der sie ein demokratisches Deutschland aufbauen würden.

„An einem Wendepunkt der deutschen Geschichte”, erklärt Erhards Biograf Alfred Mierzejewski, wurde Deutschland „eine echte und gemäßigte Alternative zu all den anderen politischen ideologischen Extremen” angeboten, die damals zur Debatte standen. Mit der Zeit wurde die Soziale Marktwirtschaft angesichts dauerhaft starken Wirtschaftswachstums immer populärer. Laut dem ehemaligen Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Jürgen Jeske lag das an der „sichtbaren Hand des wirtschaftlichen Wohlstands”. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Bundesrepublik zu einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften Europas. Soziale Marktwirtschaft und Ordoliberalismus dienen seither als wirtschaftliches Leitbild des Landes.

 

Die Spielregeln

Konzeptionell hat die Soziale Marktwirtschaft den Vorteil, dass für den Normalbürger intuitiv verständlich ist. Aus der Erkenntnis heraus, dass moderne Volkswirtschaften viel zu komplex sind, um sich planen oder dirigieren zu lassen, beschränkt sich der Ordoliberalismus auf die Festlegung der Spielregeln. Dies wiederum ermöglicht es den Menschen, ihre eigenen Erwartungen aufzustellen und entsprechend zu handeln. Um freilich effektiv zu sein, müssen all die Regeln und Richtlinien „zueinander passen”. Gute Regeln sorgen für ein gutes Spiel; das gilt in der Wirtschaft ebenso wie im Sport.

Die Wurzeln des ordoliberalen Denkens lagen in der klassischen Ökonomie, die großes Vertrauen in freie, verantwortungsbewusste Menschen setzt, die in den Märkten interagieren. Die Ordoliberalen teilten Smiths Ansicht, dass, wie der Ökonom John Kay es formulierte, „eine erfolgreiche Marktwirtschaft die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Infrastruktur erfordert, die nur ein starker Staat zur Verfügung stellen kann”. Doch „ist ein starker Staat nur in einem Umfeld des Pluralismus, der Demokratie und des gegenseitigen Vertrauens hinnehmbar”.

In ähnlicher Weise war den Ordoliberalen bewusst, wie die Märkte fehlgehen oder zu weit gehen können. Wie Smith wussten sie, dass „Märkte nur eingebunden in starke und unterstützende soziale Institutionen gut funktionieren”. Um noch einmal Kay zu zitieren: „Es gibt keinen Widerspruch zwischen Smiths Theorie der ethischen Gefühle und dem Wohlstand der Nationen.”

Böhm argumentierte auf gleiche Weise. In einem Text des Jahres 1966 verweist er darauf, dass die Soziale Marktwirtschaft des Rechtsstaates bedürfe, um „alle Klassenvorrechte und Privilegien abzuschaffen”. Insbesondere müsse die Rechtspflege „völlig frei von allen Befugnissen zur Beherrschung oder Vertretung sein”. Das Ergebnis sind, im heutigen Sprachgebrauch, gleiche Wettbewerbsbedingungen, unter denen freie Bürger ihre eigenen Interessen verfolgen und Erfolg haben können.

Hierbei sind Märkte unverzichtbar, um die Produktion auf die Vorlieben der Verbraucher abzustimmen, indem sie Informationen darüber hervorbringen, was knapp ist und was nicht. Der Preismechanismus ist, wie Eucken es formulierte, ein „Knappheitsmesser”. Um jedoch ordnungsgemäß zu funktionieren, müssen Märkte vom Wettbewerb bestimmt sein, was den zusätzlichen Vorteil hat, Effizienz und Innovation zu steigern.

Eine Wettbewerbsordnung bietet allen Chancen – nicht nur den Mächtigen -, und der Grundsatz individueller Verantwortung stellt sicher, dass die Menschen die Früchte ihrer Erfolge ernten können, ohne die Haftung für ihre Fehlschläge abzuwälzen. Nicht vom Wettbewerb, sondern von Macht bestimmtes Verhalten ist daher eine Bedrohung für jede Marktordnung. Weil Unternehmen dazu neigen, im heimlichen Einverständnis zu handeln, Kartelle zu bilden und ihre Macht auf den örtlichen Arbeitsmärkten auszunutzen, sind gut konzipierte Wettbewerbs­ und Arbeitsgesetze unverzichtbar.

Während das Deutschland vor dem Krieg eine lange arbeitsrechtliche Geschichte hatte, war es der Idee einer Wettbewerbspolitik gegenüber resistenter. Doch mit Unterstützung der Freiburger Schule führte Erhard Ende der 1950er Jahre das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen ein.

 

Würde statt Abhängigkeit

Erhard betonte, dass die Soziale Marktwirtschaft darauf ausgelegt sei, „den grundlegenden menschlichen Instinkt zur Verbesserung des eigenen Lebens” zu unterstützen. Sie sei auf die „Natur und Würde der Menschen” abgestimmt, die das Naziregime so schmerzlich verweigert hatte. Der Staat, so glaubten er und seine Zeitgenossen, sollte als unparteiischer Schiedsrichter handeln und nicht als Mitspieler oder gar als Mannschaftsführer.

Es ist diese prinzipiengeleitete Unparteilichkeit, die das „Soziale” in die Soziale Marktwirtschaft hineinbringt. Weil jeder einen natürlichen Drang hat, seine Lage zu verbessern, ist die Bereitstellung eines effizienten, innovativen, Chancengleichheit bietenden Systems ein vorrangiges soziales Gut.

Die soziale Marktwirtschaft ist zudem sozial, weil sie den Wohlstand schafft, der Voraussetzung ist für Sozialleistungen, Wohngeld, Renten und andere Programme. Natürlich sollte, wie Müller-Armack schon früh betonte, eine derartige Sozialpolitik darauf ausgelegt sein, Eigenständigkeit und Würde statt Abhängigkeit zu fördern.

Eucken, Böhm und andere Ordoliberale sahen spontane staatliche Eingriffe in die Wirtschaft als größte Bedrohung für eine funktionierende Wirtschaftsordnung an. Staatliche Maßnahmen wirken sich nicht nur auf die kurzfristigen Ergebnisse aus, sondern führen zu Unsicherheit, Verzerrungen und Fehlanreizen, welche die Funktionsweise des Systems langfristig behindern.

Daher warnte Erhard vor der „Anmaßung” von „größenwahnsinnigen Bürokraten”. Natürlich äußerte er sich nicht weniger beißend über wohlorganisierte private Interessen und „kapitalistische Klüngel”, die jede Gelegenheit wahrnähmen, um sich auf Kosten aller anderen Privilegien zu sichern. Doch weil der Interventionismus tendenziell jenen zugutekam, die über gute Beziehungen verfügten, und nicht den Innovativen oder den Armen, war die gängige Ansicht der Ordoliberalen, dass er eher unsozial sei.

 

Große Reichweite

Als direkter geistiger Abkömmling der klassischen Ökonomie ist der Ordoliberalismus nicht einfach eine obskure deutsche oder österreichische Erfindung. Soziale Marktwirtschaft und Ordnungspolitik ist eng mit den wichtigsten globalen wirtschaftspolitischen Denkrichtungen und Debatten verwoben. So hatte etwa die „Verfassungsökonomik“, deren Vordenker der amerikanische Nobelpreisträger James M. Buchanan war und die ihren Schwerpunkt auf Regeln und das Allgemeininteresse (statt auf Sonderinteressen) legte, viel mit dem ordoliberalen Denken gemein. In ähnlicher Weise stützt sich die Neue Politische Ökonomie – die wirtschaftswissenschaftliche Analyse der Politik und der Rolle des Staates innerhalb der Volkswirtschaft – auf einen Ansatz, der demjenigen der Freiburger Schule sehr ähnelt.

Und natürlich haben sich die Ordoliberalen in der großen makroökonomischen Debatte um „Regeln oder Ermessensspielräume” immer auf die Seite des regelorientierten ökonomischen Lagers gestellt. Während Regeln intertemporale Konsistenz und langfristige Optimalität fördern, ignoriert eine Ermessenspolitik diese Ziele und untergräbt sie sogar. Ebenso gibt es eine gegenseitige Befruchtung zwischen den ordoliberalen Ansichten und den amerikanischen Debatten über fiskal- und geldpolitische Regeln, die von den Vorschriften über einen ausgeglichenen Haushalt in den meisten US-Bundesstaaten bis hin zur berühmten Taylor-Regel in der Geldpolitik reichen.

Darüber hinaus beeinflussen Soziale Marktwirtschaft und ordoliberales Denken die Politik in Europa. So hatten die Ordoliberalen starken Einfluss auf die Entwicklung der Wettbewerbspolitik der EU, die selbst einen regelgestützten Ansatz verfolgt. Tatsächlich ist die größte internationale Wirkung des Ordoliberalismus womöglich das Rahmenwerk der „vier Freiheiten” der EU, das innerhalb des Binnenmarktes den freien Fluss von Waren, Dienstleistungen und Kapital sowie die Personenfreizügigkeit vorsieht. Im Verbund mit klaren und berechenbaren  Wettbewerbsregeln  halten diese Freiheiten Länder wirtschaftlich fit, indem sie sie ermutigen, bei sich zu Hause ein attraktives, gut funktionierendes Marktsystem  zu entwickeln, damit sie bei Handel, Investitionen und anderen wirtschaftlichen  Chancen nicht das Nachsehen  haben.

Das ordoliberale Denken hat zudem die Europäische Währungsunion stark beeinflusst. Es war die Deutsche Bundesbank, die der Europäischen Zentralbank und anderen unabhängigen Notenbanken innerhalb der Union Modell stand. In ähnlicher Weise spiegelten die Defizit- und Schuldenregeln des Vertrags von Maastricht, welche die Grundlage für den Euro bildeten, klar ordoliberales Denken wider. Und dasselbe lässt sich von der deutschen Schuldenbremse sagen, die es Deutschland erlaubte, seine Staatsverschuldung nach der globalen Finanzkrise zu verringern, sodass es gut aufgestellt war, um die fiskalpolitisch en Herausforderungen im Gefolge der Pandemie zu bewältigen.

Die zentralen Glaubenssätze des Ordoliberalismus liegen auch dem europäischen Stabilitätsmechanismus zugrunde – der dem Prinzip des IWF von an Bedingungen geknüpfter Kredite zur Gewährleistung von Solidarität innerhalb der EU folgt – und dem durch den EU-Vertrag vorgegebenen Prinzip der „Subsidarität”, d. h. der dezentralisierten Entscheidungsfindung.

Und schließlich wird eine regelgestützte Wirtschaftspolitik auf der Ebene der multilateralen und globalen Wirtschaftsordnung stark unterstützt. Dies überrascht nicht: Der Handelsprotektionismus eines Landes etwa schadet nicht bloß den Interessen seiner eigenen Verbraucher, sondern auch denen vieler anderer im Ausland. Bevor im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) und später der Welthandelsorganisation ein regelgestütztes System eingeführt wurde, war der Protektionismus lange eine Quelle internationaler Spannungen und Konflikte gewesen.

 

Gute Regeln begünstigen innovative Ideen

Seid Joseph Schumpeter betonen die Ordoliberalen die Wichtigkeit von Offenheit, Innovation und wirtschaftlicher Dynamik. Laut Herbert Giersch, einem der prominentesten Ordoliberalen der 1970er und 1980er Jahre, waren Humankapital und günstige Institutionen die Schlüssel dafür, dass Deutschland dem Elend der Nachkriegszeit entkam. Diese Faktoren halfen Deutschland der Armut nach dem Krieg zu entkommen und allgemeinen Wohlstand zu erreichen, um anschließend die Herausforderung der Wiedervereinigung und die globale Finanzkrise von 2008 zu bewältigen.

Mit seinem Fokus auf berechenbare Regeln und offene, verlässliche Institutionen bietet der Ordoliberalismus einen starken Rahmen, um Innovationen voranzutreiben. Dabei ist die Rolle des Staates auf die Finanzierung der Grundlagenforschung sowie einer angemessenen Infrastruktur beschränkt, sodass Unternehmer und Erfinder ein stabiles Umfeld haben, in dem sie Wissen in Kapital verwandeln und neue, innovative Produkte auf den Markt bringen können.

Trotzdem ist die Politik in Deutschland keine perfekte Inkarnation des Ordoliberalismus. Es waren angesichts divergierender Interessen politische Kompromisse erforderlich. Die fortgesetzte Beteiligung des Staates an Volkswagen und ein paar anderen Unternehmen kommt einem hier in den Sinn. Doch sind diese Beispiele Ausnahmen von einem ansonsten vom privaten Sektor getriebenen Wachstums- und Innovationsmodell.

Deutschland steht daher in starkem Widerspruch zu Ländern, die eine „Industriepolitik” verfolgen, die darauf zielt, bestimmte vermeintlich zukunftsträchtige Branchen und Unternehmen zu fördern. Dies spiegelt die Überzeugung wider, dass eine erfolgreiche Innovationspolitik nicht zu wissen vorgibt, was die Zukunft bringen wird. Stattdessen bewahrt sie eine institutionelle Offenheit gegenüber Ideen, die sich heute niemand auch nur vorstellen könnte.

Tatsächlich hätte keine Regierung vorhersehen können, dass die von einem deutschen Start-up (BioNTech) zur Krebsbekämpfung entwickelte mRNA­ Technologie zum Einsatz kommen würde, um in Rekordzeit einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln.

Und schließlich setzt Europa bei der Förderung zusätzlicher grüner Innovationen regel- und marktgestützte Emissionshandelssysteme als Grundlage seiner Dekarbonisierungsstrategie ein. Auch dies stellt einen weiteren Erfolg für das ordoliberale Denken dar. Es zeigt, dass die Soziale Marktwirtschaft der Rahmen für die dringendsten Herausforderungen unserer Zeit bleibt.

Das Modell der Sozialen Marktwirtschaft hat Bestand, weil es die Verbraucherinteressen über diejenigen der Produzenten stellt, genau wie es die Bürger und nicht den Staat zum wahren Souverän macht. In seinem Kern liegt ein Bekenntnis zum Denken auf Verfassungs- und Systemebene und keine interessen­ und ermessengestützte Politik. Dieser Ansatz hat sich als zuverlässige Grundlage für eine erfolgreiche Wirtschaft erwiesen. Deutschlands Erfolgsbilanz seit 1945 spricht für sich selbst.

Dies ist wichtig, weil zu viele Ökonomen Regeln und Grenzen heutzutage nur als wenig bindende Leitplanken betrachten. Doch brauchen wir derzeit mehr denn je einen verlässlichen Kompass, um unseren Weg durch die vor uns liegenden Herausforderungen zu finden. Konsistenz und Berechenbarkeit schaffen Vertrauen, was einer der Hauptgründe dafür ist, warum Deutschland  zum wirtschaftlichen Anker der EU geworden ist. Die soziale Marktwirtschaft bleibt deshalb ein geeigneter Kompass für die westlichen Volkswirtschaften.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Lars P. Feld, Professor of Economics at the University of Freiburg, is Director of the Walter Eucken Institute and outgoing Chairman of the German Council of Economic Experts

Peter Jungen is President Emeritus of the European Business Angels Network (EBAN) and Honorary Chairman of Columbia University’s Center on Capitalism and Society.

Ludger Schuknecht is a former chief economist of the German Ministry of Finance and deputy secretary-general of the OECD.

Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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